
"Eine vor Energie strotzende Inszenierung, die sich als Utopie des Krach-Machens entpuppt."
Anarchismus mit Knallerbsen
Der Klügere gibt nach? In seiner neuen Produktion lässt das inklusive Thikwa-Ensemble in Kooperation mit dem Kollektiv SKART dem Ärger freien Lauf. Zwischen Obstkisten und E-Gitarren dröhnt und pocht ein gesellschaftlich stigmatisiertes Gefühl: die Wut. Und im Foyer wird gewarnt.
Das Schreien hat keinen besonders guten Ruf. Zu laut, das bedeutet meistens: zu viel, zu raumgreifend, zu fordernd. Besonders dann, wenn die eigene Stimme in der Gesellschaft ohnehin nicht viel Gehör bekommt. Wer sich das Schreien erlauben kann und wem es als hysterisch, manisch, unangebracht ausgelegt wird, bleibt trotz der Errungenschaften des female rage eine Frage der Machtverteilung.
Nicht aber im Berliner Theater Thikwa, das zu den bedeutenden Bühnen des deutschen Inklusionstheaters zählt. Hier wird den Ungerechtigkeiten der Welt zu Beginn der neuen Spielzeit kompromisslos entgegengebrüllt. "Früchtchen des Zorns" heißt die vor Energie strotzende Inszenierung von Mark Schröppel, die sich als Utopie des Krach-Machens entpuppt.
Vor Bässen wird gewarnt
Schröppel, der neuerdings die künstlerische Leitung des Theater Thikwa mitverantwortet, hat die Ruhestörung in der gemeinsam entwickelten Arbeit vom Thikwa-Ensemble und dem Performance-Kollektiv "SKART" vorprogrammiert: vor dröhnenden Geräuschen und Live-Musik mit "starkem, körperlich spürbarem Bass" wird bereits im Foyer gewarnt. Verantwortlich für das Wummern ist Bühnenmusiker Brezel Göring, auch bekannt als ehemaliges Bandmitglied des punkig-schrägen Berliner Duos "Stereo Total". Laut aufdrehen, das kann Göring mit verspiegelter Brille und Baseball-Cap – da hilft auch das Dämmmaterial wenig, das in Paketen von der Bühnendecke baumelt.
Der Abend, so lässt schon ein Blick auf das wild zusammengewürfelte Bühnenbild von Henrik Weber erahnen, widersetzt sich jeder Ordnung. Zwischen Baustellencontainer, Nagelpistole und Knallerbsen wuchert die Wut. Die zehn Darsteller:innen stampfen in schwarzen Überwürfen, zusammengeschürt mit Seilen, über den weiß glänzenden Bühnenboden. Sie alle sind wütend: auf diejenigen, die sich für etwas Besseres halten, weil sie bestimmten Normen entsprechen. Auf die kleinen Jungs, die Peterle heißen und bei der Bundeswehr sind. Und schließlich auf sich selbst, wenn niemand von diesen anderen mehr übrig ist. "Dann fange ich an, mich von innen zu zerfleischen", raunt Schauspieler Max Edgar Freitag, kostümiert als Drag-Queen mit blond gelockter Perücke.
Vor der Kulisse einer wild gemischten Fotocollage, die an dicht beklebte Poster-Wände in Teenie-Zimmern erinnert, umgibt die Darsteller:innen der rebellische Geist der Jugend. Ungehemmt schreien und poltern sie gegen aufgezwungene Freundlichkeiten an. "Das Geilste: den anderen so richtig in die Pfanne hauen." Streit und Zorn tragen hier gleich kiloweise Früchtchen. In Obstkisten liegen Orangen, Äpfel und Bananen auf der Bühne bereit, die Schauspieler Tobias Brunwinkel mit anhaltender Genugtuung über dem Container zu Brei zerquetscht.
Wo Empörung laut wird, entsteht Wandel
Kurz flackert der Gedanke an den amerikanischen Schriftsteller John Steinbeck auf, dessen Roman "Früchte des Zorns" für diesen Abend Inspiration gewesen sein dürfte. Entstanden vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise zielte er darauf ab, Empörung über die sozialen und politischen Missstände seiner Zeit zu wecken. Denn wo Empörung laut wird, da entsteht Bewegung, Wandel, Subversion. Vorausgesetzt, die Wut hat eine Stoßrichtung. Diese verliert sich auf der Bühne im Theater Thikwa allerdings zunehmend im Chaos: "Alle gegen alle", grölt Musiker Göring über dröhnende Soundflächen hinweg und im Anblick des Gefechts fragt man sich, wann produktive Wut in Willkür und Ärger in schiere Aggression kippt.
Es sind ebendiese Grenzen, die der Abend in seiner anarchistischen Attitüde austestet. Zwischen Streiten und Versöhnen, Fesseln und Entfesseln. So wirkt es fast schon zärtlich, wenn die Choreografin und Tänzerin Dasniya Sommer in gekonnten Bewegungen Seile um die Körper ihrer Mitspieler:innen schlingt.
Piepsen im Ohr
Trotz etwas bemüht rotziger Song-Einlagen und Momenten der Übersteuerung trägt das selbstbestimmt zankende Ensemble durch die Performance. So blickt man gegen Ende mit Piepsen im Ohr auf ein abgeräumtes Schlachtfeld der Emotionen. Federn segeln zu Boden und aus dem Abfallcontainer wird Tobias Brunwinkel an Seilen zum Bühnenhimmel empor gezogen. Lärm machen, so scheint es, kann wahrhaftig befreien – um nicht zu sagen: Es ist der letzte Schrei.
"Ein herrlich absurder, tiefgründiger Theaterabend, den man nicht verpassen sollte."
Das Performancekollektiv SKART & Masters of the Universe zelebriert mit dem Stück »Fury« derzeit in Hamburg auf Kampnagel ein unbekanntes, heidnisch anmutendes Ritual. Zum Auftakt hämmern acht maskierte Samurai auf Knallererbsen ein. Ihre pyjamaartige Kleidung aus Kissen und Stofffetzen haben sie mit braunem Packband und schwarzem Gewebeklebeband an ihren Körpern befestigt. Im Hintergrund balancieren zwei schwarzgekleidete Wesen einen roten Bambusstab auf ihren Köpfen hin und her. Über der gesamten Szenerie thront ein Wachposten mit einer menschlichen Orakeleule.
Plötzlich schwingen die Samurai rhythmisch ihre Stöcke, jemand schleppt einen Baum an, und ein Zank um eine menschengroße, aus Bettdecken geformte Babypuppe beginnt. Die Puppe wird der Mutter gewaltsam aus den Armen gerissen. Die Mutter weint, der Vater entfernt sich. Die Eule orakelt, singt unheilvoll: »Wer nicht aus der Haut fährt, dem ziehen wir sie ab.« Dann spielen die Samurai blinde Kuh. Vier Seniorinnen transportieren – im Rollstuhl, am Rollator oder unter dem Arm – zwei einsame Heliumballons von links nach rechts über die Bühne. Spätestens in diesem Moment fragt man sich: Wer oder was ist »Fury« – und wo steckt er oder es überhaupt?
Der für die Inszenierung verantwortliche Regisseur Mark Schröppel erklärt nach der Premiere am Mittwoch die Vision dahinter. Er habe ein Ritual mit archaischen Bildern simulieren wollen. Es gehe um Generationen und Traditionen – von der Geburt bis zum Tod, vom Streit bis zur Gleichgültigkeit, von der Einsamkeit bis zur Suche nach Nähe.
Dafür hat er bewusst ein Ensemble aus sehr unterschiedlichen, nicht professionell schauspielernden, sehr jungen bis sehr alten Performerinnen und Performern zusammengestellt. Auf der Bühne agieren unter der Leitung von Christoph Grothaus die Mitglieder des inklusiven Projekts »Meine Damen und Herren«, eine Schülerin und eine Alumna einer demokratischen Schule sowie Bewohnerinnen eines Altenheims. Der Musiker Günter Reznicek verkörpert das Eulenorakel und steuert eigene Lyrics zur Musik des Regisseurs bei. Das eindrucksvolle Bühnenbild stammt von der Künstlerin Tintin Patrone.
»Fury« erzählt keine klassische Geschichte, es ist ein Tableau vivant mit Musik und märchenhaften Texten. Das Stück wurde gemeinschaftlich erarbeitet. Es zeigt, wie sich eine Gruppe aus dem säkularen, oft familienfeindlichen Deutschland in den 20er-Jahren des 21. Jahrhunderts ein Ritual vorstellt. Sie verwendet dabei Motive aus dem kollektiven Gedächtnis. Ritus, Gemeinschaft, Rettung.
»Fury« ist ein Fest wie Halloween – aber nicht aus den USA importiert, sondern regional und »bio«. Es funktioniert wie ein Escape-Game und wirkt wie ein echter Leuchtturm für die inzwischen zunehmend schwer gewordenen politischen und soziologischen Diskurse auf deutschen Theaterbühnen. Es ist barrierefrei, knackige 60 Minuten lang und für ein Publikum von zehn bis ewig alt geeignet. Für blindes und sehbehindertes Publikum gibt es sogar Audioguides.
Das absolute Highlight des Stücks ist ein echtes aufziehendes Gewitter: Man spürt den Wind, man fühlt den Regen. Dann fällt ein Baum um. Zum Glück wird niemand erschlagen, aber der versperrte Weg irritiert die Seniorinnen. Sie müssen nun einen anderen Weg als von links nach rechts einschlagen. Aufgemuntert werden sie dabei vom Gesang der Eule: »Ich bin ein Joghurt, gerührt von rechts nach links.« Ein herrlich absurder, tiefgründiger Theaterabend, den man nicht verpassen sollte.
Extremes Assoziationstheater in außergewöhnlicher Form. Und deshalb mit enormem Nachhall
In der Endlosschleife
Was ist Gewalt? Was macht sie mit uns? Von diesen Fragen ausgehend hat die Gruppe SKART gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen die Performance "War Games" entwickelt: ein Mix aus Theater, Tanz, Sound und Video. Irritierend, bedrohlich, bildgewaltig.
Krieg ist brutal, grausam, tödlich. Ein Spiel verspricht Leichtigkeit und Freude. So gegensätzlich die Begriffe sein mögen: Auch Krieg wird gespielt. Kinder mimen Räuber und Gendarm, Gamer werden zu Soldaten, die in der Normandie landen oder als Sniper durch Häuserschluchten rasen. Andere simulieren Krieg – als Übung für die Realität. Denn Krieg zieht sich durch die Menschheitsgeschichte. SKART 'entkleidet' in "War Games" den Krieg und legt sein Skelett frei: die Gewalt.
An der Schmerzgrenze
Am linken Bühnenrand tropft es schleimig aus Fäden auf einen dort liegenden Körper in Tarnfarbenoptik. Zwei große Stoffbanner mit Greifvögel- und Tauben-Silhouetten hängen vom Bühnenhimmel herab. Rechts am Boden stehen Computer und Mischpult. Von hier aus wird der Sound von Noisekünstler Deniz Khan live eingespielt. Er lässt sanfte Melodien auf harten Beat knallen, erzeugt dystopische Dissonanzen, die an die Schmerzgrenze gehen: Klang, der einlullt und aggressiv macht. Und sich so anfühlt, als verstehe da einer das Menschsein in seinem tiefsten Inneren.
In der Bühnenmitte performen die Kinder und Jugendlichen in weißen Uniformen, eine Mischung aus Boxring und Star Wars (Kostüm: Janne Plutat). Vier Begriffe, verschiedene Aspekte von Gewalt, dienen per Projektion als Überschriften zu den zwölf Szenen, die jeweils durch ein Black und eine Art Erkennungsmelodie getrennt sind: Reue, Vergessen, Macht, Exzess. Wobei es hier nicht um eine strikte, geschweige denn offensichtliche Zuordnung geht. Vielmehr dienen die Begriffe dazu, Assoziationsketten in Gang zu setzen.
Zu 'Reue' tragen Jugendliche riesige, schwebende Silberkissen wie Luftballons an Fäden über die Bühne. Unter der Überschrift 'Vergessen' zünden die Darstellenden Papierfetzen an, die verglühen – und an Video-Berichterstattungen erinnern, in denen die über einer Stadt niedergehenden Bomben als Leuchtkugeln erscheinen. 'Exzess' realisiert sich im entsprechenden Sound: eine Kakophonie an Geräuschen, Explosionen, Rauschen, das hohe Piepen im Ohr nach einem Knalltrauma. Dazu reißen die Spielenden die Münder zu stummen Schreien auf, pressen sich die Hände auf die Ohren: eine extrem beklemmende Szene.
Brei aus der Fliegerbombe
Texte ergänzen die Szenen beim Aspekt 'Macht'. Live eingelesen, entpuppen sich ihre Protagonisten als sechs Millimeter Mauser Pistole, als Fliegerbombe. Oder als astreiner Gewaltfanatiker: "Wenn ich an dich denke, klebe ich dir mit Sekundenkleber die Augenlider zu. Ich schneide dir die Wimpern ab und verstopfe dir mit deinen Wimpern die Nasenhöhle." Die trotz gewaltsamen Inhalt poetischen, teilweise absurden Texte strotzen vor Bildern. So wird aus der Fliegerbombe Brei, der in einer kleinen silbernen Schale, dem Löffel, mit Brummgeräusch auf einen großen, schreienden Schlund zubewegt wird: "Schön aufmachen, hier kommt das Flugzeug!"
Nach jedem Viererzyklus fällt die Stellwand im Hintergrund um. Kurz herrscht röhrende Stille – bevor alle die Wand wieder aufstellen. Eigentlich eine Szene, die auf Gemeinsamkeit zielt. Sieht man aber die Wand als ein Symbol für das 'Immer wieder' der Gewalt und des Krieges, was auch der "Geschichte wiederholt sich (nicht)"-Chorus der Darstellenden als Interpretation anbietet, wandelt sich der positive Charakter in Desillusion: Es ist die Menschheit an sich, die die Gewalt immer wieder von vorne auslöst – selbst wenn es noch so oft "nie wieder" heißt.
Prall, drastisch, außergewöhnlich
Das Ensemble begeistert mit ausdrucksstarker Gestik und Tanz, mit Synchronität und durch die Überzeugung, die hinter der Darstellung durchschimmert. Die Inszenierung lässt viel Freiraum, sowohl den Spielenden als auch dem Publikum. Der Abend ist prall, drastisch, ballert auf Ohren, Augen und Magen. Wer – abgesehen von den drei Texten – krampfhaft versucht, den Szenen eine 1:1-Zuordnung zu geben, scheitert. SKART spielt mit Eindrücken, Bildern, die im Kopf haften und bei jedem anderes keimen lassen. Extremes Assoziationstheater in außergewöhnlicher Form. Und deshalb mit enormem Nachhall.
