
Die SKART-Performance in der Brechtbühne – eine Begegnung
Philipp Karau und Mark Schröppel sind SKART – jenes Performance-Duo, das derzeit in der Augsburger Brechtbühne das Stück “Mein Freund, der Baum” zeigt. Judith Bohle spielt darin eine der beiden weiblichen Rollen. Oliver Brunner ist Dramaturg am Theater Augsburg. Im Foyer der Brechtbühne haben wir uns unmittelbar vor der dritten Aufführung über das Stück und seine Wirkungen unterhalten – neben einem Verriss in der Augsburger Allgemeinen und gemischten Publikumsreaktionen gehören dazu mittlerweile auch einige böse Leserbriefe mit zweifelhaftem Niveau.
Ein Rechtsanwalt aus dem Osten (der Name ist der Redaktion nicht bekannt) ist prototypisch für die sehr erregten Schreiber: Er habe gelesen …, verkündet der Jurist in einem Schreiben ans Augsburger Theater – und macht damit gleich mal klar, dass er das Stück gar nicht gesehen hat. Anschließend bombardiert er die Verantwortlichen mit juristischen Konvoluten und der Drohung, er werde sich an die wichtigen Sponsoren wenden, um Ähnliches zukünftig zu verhindern. Dass der Schreiber unter anderem den Namen des Dramatikers Samuel Beckett nicht richtig zu schreiben weiß, muss nicht verwundern.Philipp Karau gibt sich gelassen: Vor allem im Theater habe er durchaus heftigere Reaktionen erwartet. “Viele warnende Stimmen” habe es vor der Premiere gegeben, doch die “Angst vor dem Abo-Publikum” habe sich nicht bewahrheitet. Mittlerweile ist das Publikum beim “Baum” gemischt: Es kommen diejenigen, “die sich immer jedes Stück anschauen”, und gleichzeitig solche, die von der Diskussion darüber angelockt werden – “und in beiden Gruppen gibt es solche, die das Stück gut finden, und solche, denen es eben nicht gefällt.” Nach Ende der zweiten Vorstellung habe ein Zuschauer noch vor Einsetzen des Applauses seinem Ärger mit einem heftigen “Gott sei Dank!” Luft gemacht. Andererseits, so Karau, habe ihm in einer Augsburger Kneipe ein älteres Ehepaar zum Stück gratuliert: Die beiden fanden “Mein Freund der Baum” super und hatten lange darauf gewartet, dass “so etwas” auch mal in Augsburg zu sehen sei. Auch Mark Schröppel hatte gewisse Befürchtungen vor der Premiere: Er stammt aus Augsburg, ist hier zur Schule gegangen, glaubte, das Publikum und die Medienlandschaft zu kennen und hatte erwartet, “dass die Leute scharenweise buhen und rausgehen.”
Quietschbunte Bilder und lauter Elektrorock
So weit kam es nicht. Und dafür gibt’s ja auch, eigentlich, keinen Anlass, selbst wenn Schröppel und Karau nicht gerade vorsichtig mit den Emotionen des Publikums umgehen. Vor allem hauen sie ihm in hoher Geschwindigkeit und großer Lautstärke quietschbunte Bilder und sehr lauten Elektrorock um Augen und Ohren – die Musik ist oft zu laut, um die Texte zu verstehen, die Bilder wechseln zu schnell, um sie einzuordnen, die Botschaften sind zu verschlüsselt, um ad hoc Sinn und Unsinn zu trennen und sich sorgsam mit dem Geschehen auseinanderzusetzen. Das aber hat Methode: Es sei ja gerade das Schöne an ihren Performances, sagt Karau, “dass viele unterschiedliche Dinge passieren – denn das lässt viel zu.” Unter anderem will SKART dem Publikum zumuten, “zu akzeptieren, dass man eben nicht alles versteht.” Der Komplexität des Themas komme eine solche Vorgehensweise weitaus näher, “als wenn man ein enges Regiekonzept hat, in dem die Antworten schon enthalten sind.”
Apropos Thema: Es geht um Protest in dem Stück. Ein zuckersüßer Vortrag von Judith Bohle gleich zu Anfang mag noch dazu verführen, harmlos Ökokritisches à la “Wir haben nur eine Welt” zu erwarten. Wenig später allerdings wird das Publikum per Katapult mit riesigen Gummipenissen beschossen, erklären Rechtsradikale, warum sie keine “Ausländer” mehr haben wollen, singen schwarze amerikanische Schulkinder Hassparolen gegen “weiße Schweine”, wallfahrtet eine katholisch anmutende Prozession hinter einem Foto von Claudia Roth her. Skandalträchtigste Szene: Im Rahmen eines hippieesken Tanzes um einen großen Plastikkopf wird dessen Inneres gefüllt mit einer Mischung aus 1 Eigelb, 1 Fläschchen Pikkolosekt, 1 Schamhaar (live abgeschnibbelt) und 1 Schuss Urin (ebenfalls live produziert). Und, ja, die beiden Männer sind meistens nackt, mal unterm Lack-Mini, mal unterm Priestergewand und mal gar nicht verdeckt, in einer Szene kommt noch eine nackte Frau hinzu.
Provokation, na klar, sagen Schröppel/Karau – aber nicht als Selbstzweck. Zunächst mal ganz theoretisch: Es sei Grundprinzip jeder Art von Kunst, Kommunikation herauszufordern, Reaktionen zu erzeugen, Auseinandersetzungen zu provozieren. Aber an 08/15-Reaktonen wie “Buh” und demonstrativem Rausgehen sei ihnen nicht gelegen: Das sei auch “ein Generationending”, meint Karau, vor allem ältere Menschen wüssten ihrem Unmut und ihrer Verunsicherung oft nicht anders Luft zu machen, fühlten sich überfordert. “Wenn wir wollten, dass die Leute raus rennen – das könnten wir besser!”, beteuert er. Schröppel fügt hinzu, etliche Zuschauer lehnten den Zwang ab, selbst Stellung zu beziehen, sich mit dem Vorgebrachten auseinanderzusetzen: “Wir lösen die Forderung von Schillers Don Carlos ein – wir geben fünfzigfach Gedankenfreiheit.” Ein Teil der Leserbriefschreiber aber gehe mit dieser Freiheit “faschistisch an das Stück ran” – Schröppel meint damit die Forderung nach Ge- und Verboten auf dem Theater und “die Unfähigkeit, mit dieser Freiheit umzugehen.”
Es gibt zum Glück auch andere Zuschauer. Immer wieder hören die beiden den Kommentar, man müsse sich das Stück eigentlich zwei- oder dreimal ansehen, um mehr davon zu verstehen. Und dass nach den Vorstellungen eifrig diskutiert wird, hat auch Oliver Brunner festgestellt. Er stellt den Abenden kurze Einführungen voran, in denen er vor allem appelliert, man solle offen bleiben, das Stück auf sich wirken lassen. “Allein das bewirkt schon”, so Brunner, dass die Leute viel entspannter mit der Performance umgehen: “Es ist sehr lebendig danach”.
Dass manche rausgehen, ist durchaus legitim
Ist es eine schwierige Entscheidung, an solch einem Stück mitzuarbeiten? Schauspielerin Judith Bohle sagt, sie habe schnell zugesagt: “Ich hab’ mich interessiert für diese beiden Menschen, die sich in sehr einleuchtender Weise mit vielem auseinandersetzen, was ich kenne.” Dass dabei der Matrosenaufstand von 1918 mit “veganer Permakultur” und der Sesamstraße in einen Topf gerührt wird, dass Tabus mal gebrochen, mal zur Schau gestellt werden, dass Schlingensief zitiert, bewusst schlecht geschauspielert und gleichzeitig auf sehr hohem Niveau Theatertheoretisches umgesetzt wird, dass parodiert, geäfft, gelacht, dass mit Vermittlungsweisen und Rezeptionserwartungen gespielt wird – das alles kann man griesgrämig, aber auch mit Humor hinnehmen. Manche Szenen, die man Tage später immer noch nicht enträtselt hat, mögen ja bewusst eingesetzt worden sein, um den intellektuellen Allesversteher in die Irre zu führen. Über sowas darf man sich auch ärgern, selbstverständlich. Karau findet es daher “toll”, dass manche Zuschauer gehen: “Das ist legitim. Wir wollen doch keinen Zwang ausüben, und wir wollen genau nicht, dass die Zuschauer wegen der Etikette sitzen bleiben.”
“Skandal”, “Verschwendung von Steuergeldern”, wie die Briefeschreiber meinen? Aus der entgegengesetzten Blickrichtung könnte man dies auch ungleich teureren Produktionen unterstellen, beispielsweise der Augsburger Verdi-Premiere am vergangene Samstag. Eine völlig abstruse Handlung, garniert mit reichlich veralteter Musik, die die Kitschgrenze bisweilen mühelos überspringt – Kritiker könnten nicht ganz grundlos argumentieren: Ein überkommenen Traditionsdenken führe dazu, dass das Theater für “solchen Quatsch” Unsummen zum Fenster rauswerfe. Karau/Schröppel tun das nicht. Sie argumentieren mit einer erstaunlich integeren, aufrichtigen Ernsthaftigkeit für ihr Theater der schrankenlosen Freiheit. Das muss nicht, kann aber gefallen. Skandale jedenfalls finden anderswo statt.
Plastikschädel und Gummipenisse
Am Donnerstag, den 3. Oktober feierte die freie Performancegruppe SKART mit »Mein Freund der Baum« auf der brechtbühne Premiere und hat dabei sicherlich niemanden gelangweilt.
Das Rezept für einen Götzen: Ein wenig Sekt, ein Ei, eine Strähne Schamhaar, Spucke von allen anwesenden und - ganz wichtig - frisch abgelassenes Urin. Das Ganze wird dann in einem übergroßen, leuchtenden und durchsichtigen Plastikschädel durchgeschüttelt und über dem Publikum aufgehängt. Die Skurrilität solcher Momente war keine Seltenheit bei der Premiere von »Mein Freund der Baum«, einer Kooperation der freien Gruppe SKART und des Stadttheaters. Dass diese Art des Performancetheaters natürlich nicht jedem schmeckt, einige nur amüsiert und andere wahrhaftig schockiert, konnte man leider an dem etwas dünnen Applaus am Ende der Vorstellung feststellen. Allerdings zeigt SKART nicht einfach nur Penisse oder schleudert aufblasbare Nachbildungen derselben mit einem selbstgebastelten Katapult ins Publikum. Die Klammer des Abends war das Themenfeld »Protest«, das als Ausgangspunkt für die Performance gilt. So collagieren sie Audio-, Videomaterial und Fremdtexte von Erich Honecker über Valerie Solanas und Angela Davis bis hin zu Oskar Maria Graf mit ihrer performativen Darstellung. Auch wenn sicherlich die Bildgewalt und Reizüberflutung primär im Vordergrund des Abends steht, so scheinen die geschaffenen Bezüge und Querverweise dieses achronologischen Rundgangs durch die Protestgeschichte durchaus ein Gefühl für das Themengebiet zu vermitteln. Denn die gesamte Performance spielt mit Annahme und Ablehnung, zwingt den Zuschauer sich zu positionieren und hat am Ende sicherlich niemanden gleichgültig gelassen.
Protestkeule im Dauereinsatz
Eine knallbunte und brachial komische Retrospektive der Protestkultur vergangener Jahrzehnte ist die Performance Mein Freund der Baum, präsentiert wird sie von der Gießener Gruppe SKART, angeführt von Philipp Karau und Mark Schröppel, flankiert von Augsburger Schauspielern (Judith Bohle, Lea Sophie Salfeld, Sebastian Baumgart). Der Titel erinnert an bundesdeutsche Schlagerseligkeit - ist aber zugleich Ausdruck des aktuellen Protests gegen die Zerstörung des ökologischen Gleichgewichts.
Die über einstündige provozierende Collage mit Reminiszenzen an die Münchner Räterepublik, die Black-Panther-Bewegung, die ausgebeuteten Amazonas Indianer und vieles andere mehr, gräbt längst vergessene Stilmittel aus und präsentiert sie in neuem Licht der Öffentlichkeit: die altehrwürdigen Happenings der späten Sechzigerjahre zum Beispiel oder die aggressiven Eskapaden von Jérôme Savarys Le Grand Magic Circus, mit dem er in den siebzigern auch hierzulande das Publikum schockierte. Comic-Helden, lasziv gewandete Nonnen, eine ganze Fraktion der Heilsarmee und eine gesichtslose Papst-Marionette tummeln sich vor einer in allen Farben brüllenden Videowand, zugedröhnt von einer wummernden Bassgitarre und umstellt von „Kampfmaschinen“ (so das Programmheft), darunter ein mittelalterliches Katapult, mit dem man überdimensionale Gummi-Penisse und andere Leckereien ins mehr oder weniger amüsierte Publikum schleudert.
Dazwischen wenig leichtfüßiger Witz, viel plakativ zur Schau gestellte Nacktheit, viel papierene Rhetorik aus dem Politologie-Oberseminar, ein gerüttelt Maß an Nonsens-Ulk aus dem Studententheater und zum guten Schluss noch ein entfesseltes Ringelreihen-Gehopse aus der apokalyptischen Phase eines Kindergeburtstages: alles nicht so ganz brandneu.
Gefehlt hat lediglich das Eingreifen der Polizei wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses, weil erst dann die große Sehnsucht aller Avantgarde erfüllt worden wäre: der Übergang von Kunst in Leben. So aber bleibt neben dem verdienten Respekt für ein Ensemble, das an die Grenzen seiner körperlichen Leistungsfähigkeit geht, nur höflicher Beifall des Establishments.
(Hanspeter Plocher, Bayerische Staatszeitung, Oktober 2013)
Krawall mit den Grimms
Krawall mit den Grimms
Windeln und Badelatschen trägt der eine, Strampelanzug und Propellermütze der andere. Hintern an Hintern tanzen sie zur elektronischen Musik aus den Boxen über das Parkett. Man merkt es nicht sofort, doch die Angst ist das große Thema an diesem Vormittag auf der TiL-Studiobühne.
Die Performancegruppe SKART (Schröppel Karau Art Repetition Technologies) zeigt das Märchen »Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen« für Zuschauer ab acht Jahren in einer anarchischen Version: mehr Deichkind als Gebrüder Grimm, mehr Krawall als Moral. Doch das Chaos auf der Bühne hat Methode: Nach ihrem Prinzip der Antipädagogik begeben sich Philipp Karau und Mark Schröppel, die sich in Gießen während des Studiums der Angewandten Theaterwissenschaften kennenlernten, mit den Kindern im Publikum in Komplizenschaft. Da darf ein Patient auf dem Zahnarztstuhl malträtiert, ein Laubmonster verdroschen und der Tod höchstpersönlich ausgelacht werden.
Die Geschichte ist schnell erzählt: In einer Familie von Angsthasen, Bedenkenträgern und Risikoabwägern wächst der Jüngste auf. Sein Beitrag zum Hausfrieden soll sein: die teure Vase nicht zu zerstören; nach dem Spielen die Hände zu waschen; Vitamine zu essen. Bald fragt er sich: Ist diese Furcht, die von den Erwachsenen mit solch einer Inbrunst exerziert wird, die er selbst aber noch nicht kennengelernt hat, vielleicht ein spannendes Hobby der Erwachsenen? So nimmt das Märchen »Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen« seinen Lauf. Doch der Zahnarzt kann den Jüngsten genauso wenig schocken wie das Laubmonster oder eben der Tod persönlich. SKART zeigen in einem collagierten Bild- und Textreigen, wie Kinder mit ihren Ängsten, wie auch immer die letztlich aussehen mögen, umgehen können: Aufstehen. Lachen. Weitergehen. Die Moral bis zu diesem Punkt: Angst ist, was du draus machst. Ein Laubmonster kann man fürchten. Man kann es aber auch als das entlarven, was es eigentlich ist: ein Komposthaufen. Die Furcht, jene in seiner Familie so verbreitete Form, lernt der Jüngste in diesem schrillen Bühnenchaos nicht kennen.
»Na, dann zieht mal in den Krieg«, spricht plötzlich eine verzerrte Stimme aus dem Off. Und alles kippt. Vorbei das fröhliche Deichkind-Theater mit den bunten Videos auf der Leinwand und den lustigen Jungs auf dem Parkett. Nun werden die Kinder aus dem Publikum zum gemeinsamen Marschieren und zum Präsentieren der Spielzeugpanzerfaust gerufen. Das lockere Pop-Art-Märchen verkehrt sich ins Gegenteil. Das Lachen erfriert zu einer Maske, auch wenn SKART nicht den Anspruch verfolgen, eine endgültige Botschaft vermitteln zu wollen.
Selbst beim Zahnarzt keine Angst
Selbst beim Zahnarzt keine Angst
Anarchisch-komische Interpretation des bekannten Grimm'schen Märchens auf der Theaterbühne
Ist Angst etwa ein Hobby der Erwachsenen? Macht Angst sogar Spaß? Auf eine verstörend-komische Reise auf der Suche nach der Angst begibt sich der Hauptprotagonist der interaktiven Musicalperformance „Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“, die am Dienstagmorgen Premiere auf der TIL-Studiobühne feierte.
In der anarchisch komischen Interpretation des Märchens der Brüder Grimm erforschte das Kollektiv SKART, bestehend aus ehemaligen Studenten der Angewansdten Theaterwissenschaften in Gießen, das Thema Angst in all seinen Ausdrucksformen. Als Inbegriff des Bösen entsteigt zunächst ein finsterer, schwarz gekleideter Death-Metal-Typ einem Papierkokon unter der Bühnendecke und versucht auf der mit rotem, aggressivem Lack ausgelegten Bühne im Publikum Angst und Schrecken zu verbreiten. Dieser Versuch misslang jeoch gründlich.
Aber genau hier setzt das temporeiche, wild-chaotische und kreative Stück an. Der „eine, der auszog“ kommt aus einer Familie, wo er neben den alltäglichen Ängsten der Eltern, Großeltern und Geschwister wohl behütet zwischen „Sanddorn-Bio-Fruchtschnitte“ und Tennisunterricht aufwächst. Selbst komplett furchtlos, packt ihn eines Tages die Neugier, wo diese Angst überhaupt zu finden ist.
Nahezu herausfordernd begibt er sich in alltägliche Angstsituationen, die dem schier unerschütterlichen Bengel im rosafarbenen Teddybär-Schlafanzug und der Karlsson-Propeller-Mütze jedoch nichts anhaben könne. Weder die traktierende Behandlung in der Angstpraxis eines Zahnarztes, in welcher mit tatkräftiger Unterstützung aus dem Publikum Lollibohrer und wasserspritzen zum Einsatz kommen, noch die Begegnung mit dem Tod in Form eines etwas tollpatschigen, unförmigen Sensenmannes können ihn das Fürchten lehren.
Durch die mehrschichtige Collagentechnik des Stückes, die mit Hilfe von eingespielten, parallel laufenden Videosequenzen erzeugt wird, wird der Betrachter jedoch in zweiter Ebene hinter aller Komik mit seinen eigenen Ängsten konfrontiert. Etwa die grauenerregenden Bilder einer brutalen Zahnbehandlung, die kontrastreich zum turbulenten, eher witzigen Geschehen auf der Bühne fungierten. Zudem werden hier Klischees aufgegriffen, die beispielsweise mit massiven Markenwerbeblöcken die Angst „nicht dazuzugehören“ symbolisierten. Am Ende der Aufführung, die in einer turbulenten Kriegsszenerie mit rosa Maschinengewehren und fast allen Anwesenden auf der Bühne in einem riesengroßen Schlachtfeld endet, hatten wohl alle wenigstens kurze Erinnerungen und Bilder der eigenen Ängste vor Augen – wenn auch icht unser Hauptprotagonist.
Im anschließenden Gespräch mit Abdul M. Kunze, dem Leiter des Kinder- und Jugendtheaters, konnten die Gäste offene Fragen klären, eigene Angstsituationen schildern und zudem die beiden Darsteller mit Fragen bombardieren. Philipp Karau und Mark Schröppel bilden das Kollektiv SKART, das sie im Zuge ihres gemeinsamen Studiums der Angewandten Theaterwissenschaft in Gießen gründeten. Sie arbeiten seit 2009 mit dem Münchener Künstler und Bühnenbildner Stephan Janitzky zusammen und verwirklichen Projekte im Bereich multimedialer, bildender Kunst und von elektronischer Musik geprägte Theaterstücke.
Die Angst erklären – SKART krempelt TIL um
Zwei ehemalige Studenten der Gießener Theaterwissenschaft krempeln das bekannte Märchen „Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“ total um.
Sie „kochen“ es für Achtjährige poppig, surreal und comichaft auf, lassen keine krachende Musik, keine psychedelischen Flimmerbilder aus, um ein Publikum, das durch die Medienflut verwöhnt ist, im TIL 60 Minuten bei der Stange zu halten.
SKART nennen sich Philipp Karau und Mark Schröppel, die als Laubmonster, Tod, Waffenträger oder Zahnarzt versuchen, den Kindern die Angst vor der Angst zu erklären.
Spritzen beim Zahnarzt erschrecken ebenso wie Explosionen.
Die jugendlichen Zuschauer lassen sich nur mühsam bewegen, das turbulenteSpiel mitzumachen – aus Angst, sich auf der Bühne vor den Mitschülern zu blamieren, wie im zögerlichen Abschlussgespräch klar wurde.
Dabei geben sich die beiden quicken Spieler jegliche Mühe, ihren Zuschauern das Gruseln beizubringen. Überdrehte, verzerrte Stimmen aus dem Off, eine beängstigende Bilderflut münden in szenischem Müll. Riesengroße Spritzen beim Zahnarzt oder Atomexplosionen auf Monitoren besitzen großen Unterhaltungswert. Lösungen bieten, wie in der Nachfrage erläutert , die beiden Mimen nicht an. Eine „interaktive Musikperformance“ nennt sich die absurde Kurzweil.
Für das Theater der Zukunft
Hamburg. "Frei-heit, Frei-heit", skandierte, im Sound-Loop minutenlang zu hören, die Fanmasse eines Pop-Konzerts. Jeder Einzelne von ihnen versteht vermutlich darunter etwas anderes. Genau wie die etwas ratlos vor geschlossenem Tarnnetz-Vorhang lauschenden Besucher der Performance "Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker" beim Start des Körber Studios Junge Regie 2012 im Thalia in der Gaußstraße. Einige nahmen sich denn auch die Freiheit, den Saal zu verlassen.
Mark Schröppel und Philipp Karau vom Kollektiv Skart aus Gießen - zugleich auch die Performer - demonstrierten reichlich künstlerische und körperliche Freiheiten in ihrer satirischen Collage über die Befindlichkeiten der Deutschen zwischen Nazi-Vergangenheit und neoliberaler Gegenwart. Sie sprangen spielerisch mit den Idol- und Klischee-Bildern von rechts und links, von DDR und BRD um und demontierten sie respektlos. Nur mit Enten- und Froschkopf bekleidet, führten sie Ideologie-Dispute ad absurdum und outeten sich als Fans von Fritz Teufel - für das frech-fröhliche Duo der "Archetypus des Freigeists".
...
Dann lieber die bisweilen naive Radikalität des Skart-Kollektivs. Es bedient sich locker der Old-School-Formen wie Dada, Performance oder Punk, formuliert aber daraus eine neue, an bildender Kunst orientierte Sprache - gegen die Theaterkonvention. Schröppel und Karau berufen sich im Publikumsgespräch auf das Scheitern als Chance und zitieren Martin Kippenberger: "Mit Pubertät zum Erfolg." Sie übertragen die Montage-Prinzipien eines Jonathan Meese auf die Bühne und hauen dem Zuschauer ihren entwaffnenden Bubencharme um die Ohren. Auf die Frage, warum sie nur mit einem Frosch- beziehungsweise Entenkopf "bekleidet" auf die Bühne kommen, antworten sie: "Uns hat das Kostüm so am besten gefallen!" Ihr Stück ist ein mit ironischen Anspielungen aufgeladenes Bilder- und Wortpuzzle. Soll sich doch jeder denken, was er will. Wie der Kunst, sei auch dem Zuschauer alle Freiheit zugestanden. Noch.
Deutschland, eine Abrechnung
Als Philipp Karau und Mark Schröppel am Freitag und Samstag anlässlich ihrer Diplominszenierung die TiL-Bühne betraten, schien es zunächst, als wollten die beiden Studenten der Angewandten Theaterwissenschaften nur von Fritz Teufel berichten. Der war einer der Mitbegründer der Kommune I, verbrachte einige Jahre im Gefängnis und kam durch das geplante „Pudding-Attentat“ auf US-Vizepräsidenten Humphrey zu Berühmtheit. Als Teufel letztes Jahr starb, verschwand seine Urne, um neben dem Grab Rudi Dutschkes wieder aufzutauchen.
In der Tradition von Teufels Spaßguerilla steht die Performancegruppe SKART (Schröppel Karau Art Repetition Technologies). Als die beiden sich als Kapitän und Stewardess kostümiert haben, können die Spiele beginnen: Schokoküsse fliegen ins Publikum und wieder zurück auf die Bühne, es wird Wasser verspritzt und hin und wieder aus der Rolle gefallen. Eine Stunde lang verhandelt „Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker“ deutsche Verhältnisse seit dem zweiten Weltkrieg: Von Max Schmelings Niederlage gegen Joe Lois in New York 1938 bis hin zum Diskurs um gewalttätige Jugendliche mit Migrationshintergrund, mit Zeitzeugen und Popmusik. Das ist irrsinnig, laut und lustig, Ironie und Chaos haben dabei genauso ihren Platz wie die Dekonstruktion von Geschlechterrollen und Nationalstaatlichkeit. Grandios choreografiert ist der Kampf, den die beiden mit Ritterrüstung und Steinschleuder bewaffnet gegeneinander führen und der in der Zerstörung von Teilen des Bühnenbildes endet. Aus den Trümmern erstehen SKART mit Bommelhut und Kopftuch auf, Requisiten werden aus den Sägespänen am Boden gezogen. Nach minutenlangem Abspielen von Westernhagens „Freiheit“ öffnet sich die symbolische Mauer aus Tarnnetz noch einmal. Die beiden Performer mit Hang zum Exhibitionismus erscheinen in Frischhaltefolie und Theraband eingewickelt, mit Frosch- und Entenmaske unterhalten sich Schlagersänger Roberto Blanco und Vertriebenenvertreterin Erika Steinbach über Werte und Ordnung.
Die Vielstimmigkeit, schiere Masse und Lautstärke von Video, Klängen, Aussagen und auch technischen Mitteln ist erschlagend: Gartenzwerge baumeln von der Decke, Pflastersteine werden in die Waschmaschine gesteckt, Plakate mit grotesken Masken fragen: „Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab‘?“ Mit auf der Bühne ist das werwolfartige Haustier (Verena Billinger) im knappen Goldbadeanzug, das vor den sechs Fernsehern Fanta trinkt.
Gegensätze werden nicht aufgelöst, sondern ausgestellt, das Motto lautet: Verständnislosigkeit statt Empathie, Unterhaltung statt Erziehung. So auch in der letzten Produktion „Der Fischer und sein Mann“ als Musiktheater für Kinder in Duisburg, im Februar zeigen sie „Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker“ nochmals in Mülheim a. d. Ruhr, als „Versuch eines abseitig artikulierten Kommentars über ein Land, in das man durch Zufall hineingeboren wurde, zu scheitern“.
Der große Coup kommt zum Schluss: Sebastian Unsinn alias MC Burger King von der Augsburger Electrocombo „Bassschickeria“, entsteigt in weißer Priesterrobe zum Finale, rappt mit eindringlicher Stimme und verspritzt salbungsvoll Bier, während Schröppel und Karau einen modifizierten Reichsadler herumtragen. Trotz der offensichtlichen Punk-Attitüde, die SKART vertritt, bleibt die Aussage vieldeutig. Ein Fest der Körper und der Anarchie.
Linksradikaler Kindergeburtstag
SKART hat mit „Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker“ einen irrwitzigen Trip durch die Geschichte der BRD nach 1945 auf die Bühne gepfeffert. (...) Statt ausgefeilten Dialogen knallen Bilder, Botschaften, Songs und Videoeinspielungen in rasendem Wechsel auf Netzhaut und Trommelfell, bis das Ganze bei einem Loop aus Westernhagens schlimmstem Stück, „Freiheit“, minutenlang stehenbleibt. Das ist wahre Folter, der unbarmherzig verlängerte Scheitelpunkt einer Achterbahnfahrt vor dem Absturz. Der wiederum entpuppt sich als schreiend komischer Dialog zwischen Dauergrinser Roberto Blanco und der ewiggestrigen Vertriebenenvertreterin Erika Steinbach - in Frosch- und Entenmaske. Bei all dem Spektakel verliert das Stück nie an Unbekümmertheit, Ironie, Witz und - das muss erlaubt sein - Liebe. Die Bilder sind immer spannend, einfallsreich und entwaffnend, an- bzw. ausziehend.
